Kryptenaugen

Der von meinem moselländischen Landsmann Stefan Andres in seiner Erzählung „El Greco malt den Grossinquisitor“ eingeführte und hervorgehobene Neologismus „Kryptenaugen“ ist ihm bis jetzt vorbehalten geblieben und wurde von anderen nicht aufgegriffen. Singuläre Ausnahme: Die Verwendung des Ausdrucks in dem Roman „Aufruhr des Gewissens“ (1988) durch Alfred Sing. Sing schreibt von einem „Weib mit ausgetrockneten Augen, mit Kryptenaugen in faltigen Säcken“.

Was sind Kryptenaugen? Stefan Andres rückt den kryptischen Begriff nah an den der Krypta: „Gefährlich aber sind Ninos Augen. Wie im Dunkel der Krypta ist da alles unbewegt und ineinander.“ Hinzu kommt die Verbindung zu Ungeheuern: „El Greco denkt an Höhlen, in denen Drachen hausen.“ Wo Krypten in der deutschen Sprache vorkommen, sei es in der Anatomie oder in einem Gedicht von Rolf Schilling, ist es nicht schön.

Der Literaturkritiker Hans Hennecke (1897-1977) schrieb 1958 in einem Essay über Stefan Andres zeittypisch von dessen „Künstlertum“, „Schriftstellertum“ und „Dichtertum“. Längst wirken diese Ausdrücke ungewollt wie Warnungen vor einem zu dunklen deutschen Altertum – Kryptenwarnungen.